Montag, 3. November 2008

Goldene Regel

Als goldene Regel wird allgemein ein wichtiger Merkspruch oder ein markantes Motto bezeichnet. Im engeren Sinne bezieht sich die Bezeichnung aber auf die moralische Regel, die zum Sprichwort geworden ist in dem Bibelwort

Was du nicht willst,
das man dir tu,
das füg auch keinem andern zu.

Die goldene Regel ist in mannigfaltigen Variationen Grundbestandteil der ethischen Vorstellungen vieler Religionen. Einerseits ist sie von Kants kategorischem Imperativ zu unterscheiden, denn die goldene Regel bezieht sich auf den Einzelnen (und sein Gegenüber), nicht auf ein allgemeines Sittengesetz. Andererseits erhebt auch die goldene Regel formal einen universellen Geltungsanspruch und abstrahiert vom konkreten Einzelfall. Manche bezeichnen sie als volkstümliche Variante des kategorischen Imperativs. Für viele Philosophen stellt die goldene Regel den Kern von Moral dar, weil sie an die menschliche Vorstellungskraft, Einfühlung, Gegenseitigkeit und Folgenbewusstsein appelliert.


Religionen

Die Goldene Regel ist in den meisten Weltreligionen fest verankert. Daher wurde sie auch im Projekt Weltethos von Hans Küng und der „Erklärung zum Weltethos“ durch das Parlament der Weltreligionen von 1993 wichtig. Aus der Goldenen Regel werden hier vier Prinzipien als „unverrückbare Weisungen“ entwickelt:

  1. Verpflichtung auf eine Kultur der Gewaltlosigkeit und der Ehrfurcht vor allem Leben
  2. Verpflichtung auf eine Kultur der Solidarität und eine gerechte Wirtschaftsordnung
  3. Verpflichtung auf eine Kultur der Toleranz und ein Leben in Wahrhaftigkeit
  4. Verpflichtung auf eine Kultur der Gleichberechtigung und die Partnerschaft von Mann und Frau

Zwischen den einzelnen Versionen sind leichte, aber relevante Unterschiede feststellbar. So ist die Bahá'í-Variante wie auch die aus der Bergpredigt entnommene christliche positiv formuliert und fordern nicht nur das Nichttun dessen, was selbst nicht gewünscht wird, sondern auch das Tun dessen, was man selbst erstrebt.

Chronologie verwandter Regeln

  • 8.-6. Jahrhundert v. Chr.: „Du sollst deinen Nächsten lieben wie dich selbst; ich bin der HERR.“ (Die Bibel, Leviticus 19, 18), Judentum
  • 620 v. Chr.: „Was immer du deinem Nächsten verübelst, das tue ihm nicht selbst.“ Pittakos von Mytilene, einer der griechischen Sieben Weisen
  • um 500 v. Chr.: „Ein Wort, das als Verhaltensregel für das Leben gelten kann, ist Gegenseitigkeit. Bürde anderen nicht auf, was du selbst nicht erstrebst.“ (Lehre vom mittleren Weg 13, 3), Konfuzianismus
  • um 500 v. Chr.: „Daher übt er (der Weise) keine Gewalt gegen andere, noch heißt er andere so tun.“ (Acarangasutra 5, 101-102), Jainismus
  • um 500 v. Chr.: „Füge anderen nicht Leid durch Taten zu, die dir selber Leid zufügten.“ Buddhismus
  • 5. Jahrhundert v. Chr.: „Tue anderen nicht an, was dich ärgern würde, wenn andere es dir täten.“ Sokrates, griechischer Philosoph
  • 4. Jahrhundert v. Chr.: „Soll ich mich andern gegenüber nicht so verhalten, wie ich möchte, dass sie sich mir gegenüber verhalten?“ Platon, griechischer Philosoph
  • 4. Jahrhundert v. Chr.: „Man soll sich nicht auf eine Weise gegen andere betragen, die einem selbst zuwider ist. Dies ist der Kern aller Moral. Alles andere entspringt selbstsüchtiger Begierde.“ (Mahabharata, Anusasana Parva 113, 8; Mencius Vii, A, 4), Hinduismus
  • 4. - 2. Jahrhundert v. Chr.: „Dass die (menschliche) Natur nur gut ist, wenn sie nicht anderen antut, was ihr nicht selbst bekommt.“ (Dadistan-i-Dinik 94, 5 - Mittelpersische Schrift), Zoroastrismus
  • 2. Jahrhundert v. Chr.: „Was du nicht leiden magst, das tue niemandem an.“ Judentum, Buch Tobit.
  • 90 v. Chr.: „Was du selbst zu erleiden vermeidest, suche nicht anderen anzutun.“ Epiktet
  • 2. Jahrhundert: „Was dir selbst verhasst ist, das tue nicht deinem Nächsten an. Dies ist das Gesetz, alles andere ist Kommentar.“ (Talmud, Shabbat 31a), Judentum
  • 7. Jahrhundert: "Der vorzügliche Glaube ist, das, was du für dich wünschst, auch den anderen zu wünschen und das, was du dir nicht wünschst, den anderen auch nicht zu wünschen." (Hadithsammlung des Ahmad Ibni Hanbal), Islam
  • 19. Jahrhundert: „Und wenn du deine Augen auf die Gerechtigkeit wendest, so wähle für deinen Nächsten dasjenige, was du für dich selbst erwählet hast.“ (Brief an den Sohn des Wolfs 30), Bahai
  • 1870er: „Wünsche er nicht anderen, was er nicht für sich selbst erwünschet.“ Bahai
  • 1970er: „Ich denke von dir, wie ich wünsche, dass du über mich denkst. Ich spreche von dir, wie ich wünsche, dass du über mich sprichst. Ich handle dir gegenüber so, wie ich wünsche, dass du es mir gegenüber tust.“ Arthur Lassen
  • 1999: „Tue nichts, was du nicht möchtest, dass man dir tun soll.“ (British Humanist Society), Humanismus

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